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FOAMio Politix – Wie standardisiert ist die standardisierte Notrufabfrage wirklich?

Systeme für die standardisierte Notrufabfrage haben in den vergangenen Jahren in vielen deutschen Leitstellen Einzug gehalten. Die Idee dahinter klingt zunächst eindeutig und richtig: Ein strukturierter Fragenkatalog soll sicherstellen, dass jeder Notruf nach den gleichen Kriterien beurteilt und dadurch die richtige Hilfe, also das richtige Rettungsmittel, in der richtigen Dringlichkeit alarmiert wird. Einheitlichkeit, Nachvollziehbarkeit und Patient*innensicherheit stehen hierbei im Mittelpunkt.

Doch wenn man genauer hinschaut, zeigt sich schnell: „Standardisiert“ ist in Deutschland nicht gleich „standardisiert“.

Der Grund dafür liegt weniger im Abfragesystem selbst, sondern vielmehr in dem, was danach passiert. Zwar liefern Systeme wie z.B. MPDS, NOAS, ProQA oder andere strukturierte Abfrageverfahren eine medizinische Priorisierung und eine empfohlene Alarmierung. In der Praxis endet die Standardisierung aber genau an dieser Stelle. Die konkrete Alarm- und Ausrückeordnung (AAO) – also das, was am Ende wirklich disponiert wird – ist in vielen Rettungsdienstbereichen eher individuell angepasst. Und zwar teilweise sehr umfassend.

Hier kommen die ärztlichen Leiter*innen bzw. Verantwortliche ins Spiel, die aus nachvollziehbaren Gründen regionale Besonderheiten berücksichtigen: Fahrzeugstandorte, Qualifikationen, taktische Erwägungen, lokale Versorgungsstrukturen oder historische Entwicklungen. Das führt dazu, dass ein identischer Notruf in zwei Regionen zu völlig unterschiedlichen Alarmierungen führen kann – obwohl beide eine „standardisierte Notrufabfrage“ nutzen.

Damit wird der Begriff „standardisiert“ ein Stück weit ad absurdum geführt. Denn was bleibt von der viel beschworenen Einheitlichkeit, wenn jede Region ihre eigenen Schwellenwerte, Fahrzeugkombinationen oder Prioritäten definiert? Natürlich haben diese Anpassungen oft gute Gründe. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob der Fachbegriff dann noch trifft, was im Alltag wirklich passiert.

Das Ergebnis ist eine paradoxe Situation: Es wird viel Zeit und Energie in hochstandardisierte Abfragesysteme investiert – um dann im zweiten Schritt einen erheblichen Teil dieser Standardisierung durch lokale Modifikationen wieder aufzuweichen. Für die Disponent*innen bedeutet das zusätzlichen Schulungsaufwand und ggf. schwierige Konflikte in der praktischen Arbeit, für Einsatzkräfte unterschiedliche Einsatzspektren sowie schwer nachvollziehbare Alarmierungen und für die Patient*innen im Extremfall variierende Versorgungsqualität je nach Landkreis bzw. Rettungsdienstbereich.

Vielleicht wäre es an der Zeit, offener darüber zu sprechen, was „standardisiert“ in der Notrufabfrage tatsächlich bedeutet – und welche Teile standardisiert sein sollten, damit das System seinen eigentlichen Zweck erfüllt: schnelle, sichere und vergleichbare Hilfe für alle.

Wie ist eure Meinung dazu? Schreibt es gerne in die Kommentare!

Published inPolitix by FOAMio

Ein Kommentar

  1. Jens Hollmann Jens Hollmann

    Manchmal frage ich mich, was Standards und Konzepte eigentlich bringen sollen, wen am Ende jede/r meint, genau in seinem Bereich gelten aber gaaaaaaanz andere Regeln? Ich bin seit über 30 Jahren im Bevölkerungsschutz aktiv und habe schon diverse Konzepte und Standards kommen und gehen sehen; kann mich aber nicht dran erinnern, dass nicht am Ende ein ÄLRD, ein Kreisrat, ein Zug- oder sonstiger Führer meinte, für ihn gelte das nicht (,…, weil ja bei uns…). Ja, es gibt regionale Besonderheiten. Ja, Konzepte sind nicht immer perfekt. Aber ich habe den Eindruck in den meisten Fällen geht es nicht um Einsatztaktik oder bestmögliche Versorgungsicherheit sondern einfach um das eigene Ego. Ich sehe das bei uns im Kreis Lippe aktuell: Es gibt das Landeskonzept BTP500. Das ist fix. Ausser bei uns, bei uns werden noch schnell 4 Motorräder, eine MTF und ein weiterer LKW dazugeplant….

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