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GenderEMed – toxische/hegemoniale Männlichkeit und ihr Einfluss auf die Versorgung von Frauen

Die Medizin liebt das Narrativ ihrer eigenen Objektivität – wir helfen jedem/jeder zu jederzeit. Weißer Kittel, klare Diagnosen, wissenschaftliche Evidenz – und irgendwo darunter ein tief verwurzeltes System aus Macht, gesellschaftlicher Normen und Hierarchien, das sich erstaunlich resistent gegenüber Veränderung zeigt. Wer dieses System verstehen will, kommt an einem Begriff nicht vorbei: hegemoniale bzw. toxische Männlichkeit. Und diese wirkt bis in die Notaufnahme oder den Rettungswagen hinein.

hegemoniale Männlichkeit – unsichtbares Betriebssystem der Medizin

Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit beschreibt eine gesellschaftliche Ordnung, in der männlich konnotierte Werte – Dominanz, Rationalität, Härte, Kontrolle – als Norm gesetzt werden und andere Geschlechterpositionen hierarchisch untergeordnet sind. Diese Ordnung ist nicht biologisch, sondern sozial hergestellt und kulturell verankert.

Und hegemoniale bzw. toxische Männlichkeit meint hierbei nicht das popkulturelle „Männer sind böse“, sondern das gesellschaftliche Machtmodell. In der Medizin zeigt sich diese Hegemonie besonders deutlich:

  • „Objektivität“ wird mit emotionaler Distanz gleichgesetzt
  • „Kompetenz“ wird mit Durchsetzungsfähigkeit und Autorität assoziiert
  • „schwierige Patientinnen“ sind oft schlicht Frauen, die ihre Symptome ernst nehmen

Das ist kein Zufall, sondern strukturelle Reproduktion von Geschlechterhierarchien – ein Mechanismus, den die Intersektionalitätsforschung klar beschreiben.

toxische Männlichkeit als klinisches Risiko

Toxische Männlichkeit ist kein primärer Vorwurf ggü. „Männern“, sondern eine Kritik an destruktiven Normen, die Gewalt, Dominanz und emotionale Abwertung glorifizieren. Diese Normen beeinflussen laut aktuellen Debatten zunehmend gesellschaftliche Diskurse – und damit auch die medizinische Praxis.

In der Versorgung von Frauen führt das zu mehreren Problemen:

Frauen werden weniger ernst genommen

Wenn „echte“ Medizin als rational und hart gilt, werden Symptome, die nicht in dieses Raster passen – Schmerz, diffuse Beschwerden, emotionale Belastung – systematisch abgewertet. Das Ergebnis: Frauen werden häufiger als „hysterisch“, „überempfindlich“ oder „psychosomatisch“ eingestuft.

Eine Scoping Review in BMC Medical Education zeigt, dass implizite geschlechtsbezogene Biases klinische Entscheidungen messbar beeinflussen. Bias ist kein Charakterfehler einzelner Personen, sondern das Ergebnis einer professionell sozialisierten Kultur.

männliche Normkörper dominieren Forschung & Leitlinien

Die MANFOKUS-Studie des Bundesgesundheitsministeriums zeigt, wie tief männliche Normen in der Gesundheitsversorgung verankert sind – und wie dringend gendertransformative Ansätze gebraucht werden.

Frauenkörper gelten in vielen Bereichen immer noch als „Abweichung“ vom Standard – mit fatalen Folgen für Diagnostik, Pharmakologie und die medizinische Versorgung im Allgemeinen. „The BMJ“ bezeichnet in diesem Zusammenhang z.B. die Unterrepräsentation von Frauen in klinischer Forschung zurecht als „nothing short of a scandal“.

Das Problem beginnt auch nicht erst bei alten Chefärzten mit dem gut alten „Das haben wir immer so gemacht“, sondern bereits im Studium. Auch Medizinstudierende reproduzieren diese Biases früh. Anders formuliert: Misogynie ist kein Bedienfehler des Systems. Sie ist Teil der Ausbildungstradition.

Machtgefälle in der Arzt-Patientin-Interaktion

Hegemoniale Männlichkeit erzeugt ein asymmetrisches Verhältnis: Der Arzt spricht, die Patientin hört zu. Der Arzt weiß, die Patientin fühlt. Der Arzt entscheidet, die Patientin „kooperiert“. Diese Struktur ist nicht nur paternalistisch – sie ist gefährlich.

Warum das kein „Gender-Thema“, sondern ein Machtproblem ist…

Die MANFOKUS-Studie zeigt klar: Geschlechtergerechtigkeit in der Medizin ist kein „Nice-to-have“, sondern ein strukturelles Erfordernis. Hegemoniale Männlichkeit ist nicht nur ein kulturelles Phänomen – sie ist ein gesundheitspolitisches Problem. Sie beeinflusst:

  • Forschung
  • Versorgung
  • Kommunikation
  • Priorisierung
  • Ressourcenverteilung

Und sie reproduziert Ungleichheit – Tag für Tag, Patientin für Patientin.

Was eine feministische, gendertransformative Medizin leisten muss?

Eine moderne Medizin muss hegemoniale Männlichkeit nicht „mitdenken“, sondern aktiv dekonstruieren. Das bedeutet:

  • Forschung, die nicht den männlichen Körper als Norm setzt
  • Leitlinien, die geschlechtergerecht entwickelt werden
  • Kommunikation, die Machtgefälle abbaut
  • Versorgung, die Diversität als Standard begreift
  • verpflichtende geschlechtersensible Ausbildung, die Gender Bias, Schmerzbewertung, Kommunikationsmuster, reproduktive Gesundheit, Intersektionalität berücksichtigt
  • politische Rahmenbedingungen, die Gleichstellung nicht als „Identitätspolitik“, sondern als Qualitätsmerkmal verstehen

Oder zugespitzt: Wer Geschlechtergerechtigkeit in der Medizin ablehnt, akzeptiert schlechtere Versorgung – und vermeidbare Todesfälle.

Fazit

Toxische Männlichkeit in der Medizin zeigt sich nicht nur in chauvinistischen Sprüchen ggü. Patientinnen oder Kolleginnen, …

… sie zeigt sich darin, wem geglaubt wird.
… wessen Schmerz als echt gilt.
… wer Diagnostik bekommt.
… wer Jahre verliert.

Wenn Frauen systematisch schlechter versorgt werden, ist das kein Kommunikationsproblem. Es ist Machtpolitik mit Stethoskop. Und vielleicht sollten wir aufhören, das Ganze „Gender-Thema“ zu nennen. Es ist ein Qualitätsproblem. Ein Sicherheitsproblem. Und ehrlich gesagt: ein verdammtes Armutszeugnis für ein System, das sich evidenzbasiert nennt.

Quellen

Published inGenderEMed

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