Psychiatrische Notfälle gehören längst zum Alltag deutscher Notaufnahmen – und trotzdem spiegelt sich diese Realität nur unzureichend im organisatorischen System wider. Denn psychiatrische Notfälle werden sie vielerorts noch immer wie ein „Sonderfall“ behandelt – organisatorisch, strukturell und personell. Die Folge ist eine Versorgungslücke, die nicht nur ineffizient ist, sondern Patient*innen real gefährdet.
Aktuelle Daten und internationale Studien zeigen deutlich: Die Integration psychiatrischer Expertise in die Notaufnahme ist kein „Nice-to-have“, sondern ein Sicherheitsfaktor und hat das Potenzial, sowohl klinische als auch gesundheitspolitische Probleme zu entschärfen.
psychiatrische Notfälle sind häufig – und nehmen weiter zu
- In deutschen Notaufnahmen gehören psychiatrische Diagnosen zu den dritt- bis vierthäufigsten Vorstellungsgründen.
- Eine große retrospektive Studie aus Deutschland (2015) zeigt: 8,21 % aller Notaufnahmepatient*innen kamen mit einem psychiatrischen Problem (1.735 von 21.124 Fällen).
- Der Anteil steigt seit Jahren deutlich an. Eine bundesweite Analyse (2012–2022) dokumentiert einen kontinuierlichen Anstieg psychiatrischer Notfälle, besonders seit 2016. (2016: 266,6 Fällen pro 100.000 Einwohner*innen; 2022: 401,5 Fälle pro 100.000 Einwohner*innen)
Fakt: Psychiatrische Notfälle sind kein Randphänomen. Sie sind ein Kernbestandteil der Notfallmedizin – werden aber strukturell oft nicht so behandelt, sondern immer noch vernachlässigt.
Die Trennung von somatischer und psychiatrischer Notfallversorgung schadet Patient*innen
längere Aufenthaltszeiten & ineffiziente Abläufe
Eine systematische Review von Katiki et al. aus dem Jahr 2024 (18 Studien, 2013 – 2023) zeigt, ohne integrierte psychiatrische Versorgung kommt es zu:
- längeren Verweildauern
- höheren Wiederaufnahmeraten
- schlechteren Outcomes
Fehltriage und Fehleinschätzungen
Ohne psychiatrisch geschultes Personal werden Symptome häufig falsch eingeordnet:
In einer deutschen Studie erfüllten 30 % der psychiatrischen Patient*innen keine Notfallkriterien, obwohl sie in der Notaufnahme landeten. Dies deutet auf eine Fehlsteuerung, mangelnde Alternativen und unklare Prozesse hin.
erhöhtes Risiko für Zwang, Eskalation und Gewalt
Fehlende Expertise führt zu:
- unnötigen Zwangsmaßnahmen
- Eskalationen durch unpassende Umgebung
- Sicherheitsrisiken für Personal und Patient*innen
Internationale Daten zeigen: Psychiatrische Patient*innen haben die längsten Wartezeiten aller Patient*innengruppen in EDs und lange Wartezeiten korrelieren mit einer höheren Eskalationswahrscheinlichkeit (z. B. Agitation, Selbstverletzung).
integrierte Modelle funktionieren – und sind messbar besser
Das systematische Review von Katiki et al. (2024) zeigt klare Vorteile integrierter Modelle wie: Consult-Liaison-Teams, Psychiatric Emergency Services und Telepsychiatrie. Die Ergebnisse dieser integrierten Modelle sind u.a.
- kürzere Aufenthaltszeiten
- bessere Outcomes
- weniger Wiederaufnahmen
- bessere Zugänglichkeit, auch in ländlichen Regionen
Dies ist vor allem für Deutschland besonders relevant, denn die meisten Notaufnahmen arbeiten noch ohne feste psychiatrische Präsenz – obwohl die Datenlage eindeutig ist.
Auch Spezialprogramme in der Notaufnahme wirken
Es gibt robuste Belege, dass strukturierte, psychiatrische Interventionen in der Notaufnahme die Krankheitsverläufe verbessern.
Suicide Prevention Interventions
Das ED-SAFE-Programm – ein multikomponentiges Risikomanagementprogramm für Suizidpatient*innen – reduzierte über 52 Wochen die Anzahl der Suizidversuche um 30 % im Vergleich zur üblichen Versorgung und führte zu einem absoluten Rückgang des Anteils der Patienten, die anschließend einen Suizidversuch unternahmen, um 5 % (Miller et al., 2017).
Auch Weiterentwicklungen wie ED-SAFE 2 zeigten, dass eine konsequente universelle Suizidrisiko-Screeningstrategie gekoppelt mit individualisierter Nachsorge die Wahrscheinlichkeit weiterer suizidaler Verhaltensweisen langfristig verringert (Boudreaux et al., 2020).
Safety Planning & Follow-Up
Routinemäßige Safety-Planning-Interventionen in der Notaufnahme waren mit signifikant niedrigeren Wiederaufnahme- und stationäre Aufnahmeraten innerhalb von 30 Tagen assoziiert. Solche Maßnahmen zeigen, dass selbst einfache, systematische psychiatrische Elemente in einer Notaufnahme die Versorgung verbessern können (Cullen et al., 2024)
Warum die Trennung historisch gewachsen ist – und heute nicht mehr zeitgemäß ist
Traditionell wurde Psychiatrie als „eigenständiges System“ betrachtet und psychiatrische Kliniken haben noch heute ihre eigenen Aufnahmestrukturen. Somatische Notaufnahmen sind i.d.R. für Traumata, kardiologische, neurologische und viele andere nicht-psychiatrische Notfälle konzipiert – nicht für Krisenintervention.
Heute aber müssen wir konstatieren: Psychiatrische Notfälle kommen nicht selten zuerst in die somatische Notaufnahme. Die Zahl der Patient*innen mit psychiatrischen Krankheitsbildern und Notfällen steigt, bei gleichzeitiger Zunahme der Komplexität dieser Fälle bzw. Notfälle (z.B. Komorbiditäten, Intoxikationen, soziale Krisen etc.).
Fazit: Die alte Trennung passt nicht mehr zur Realität.
Was eine moderne Notaufnahme braucht!
✔️ psychiatrische Präsenz (24/7 oder zumindest zu den Hauptzeiten)
✔️ gemeinsame Triage- und Behandlungsalgorithmen
✔️ interdisziplinäre Schulungen
✔️ spezialisierte Räume für psychische Krisen (reizarme und sichere Räumlichkeiten)
✔️ niedrigschwellige Alternativen (Krisendienste, PIA, Home Treatment im Rahmen einer ambulanten Versorgung)
Fazit: Mehr Psychiatrie in der Notaufnahme ist Patientensicherheit
Die Datenlage ist eindeutig: Die Trennung von Notfallmedizin und Notfallpsychiatrie ist ineffizient, gefährlich und nicht mehr zeitgemäß.
Integrierte Modelle verbessern nachweislich:
- Patient*innensicherheit
- Behandlungsqualität
- Behandlungsgeschwindigkeit
- Patient*innenerleben
Für Patient*innen in psychischen Krisen ist die Notaufnahme oft der erste Kontaktpunkt. Dort muss die Psychiatrie präsent sein – nicht als externe Konsilinstanz, sondern als integraler Teil der Notfallmedizin.
Quellen
- Boudreaux, Edwin D., Brianna L. Haskins, Celine Larkin, u. a. „Emergency Department Safety Assessment and Follow-up Evaluation 2: An Implementation Trial to Improve Suicide Prevention“. Contemporary Clinical Trials 95 (August 2020): 106075. https://doi.org/10.1016/j.cct.2020.106075.
- Cullen, Sara Wiesel, Mark Olfson, Ming Xie, und Steven C. Marcus. „Impact of Emergency Department Safety Planning on 30-Day Mental Health Service Use“. Psychiatric Services (Washington, D.C.) 75, Nr. 6 (2024): 528–33. https://doi.org/10.1176/appi.ps.20230187.
- Katiki, Chiko, V. Jaswitha S. Ponnapalli, Kesha J. Desai, u. a. „Enhancing Emergency Room Mental Health Crisis Response: A Systematic Review of Integrated Models“. Cureus 16, Nr. 11 (2024). https://doi.org/10.7759/cureus.74042.
- Kirchner, Heribert, Sandra Mangiapane, Emil Hu, Nik Hulsmans, Patrick Brzoska, und Frank-Gerald Bernhard Pajonk. „Trends in Nonurgent Mental Health Presentations to Emergency Departments: Insights from the First Nationwide Study in Germany“. BMC Psychiatry 25, Nr. 1 (2025): 855. https://doi.org/10.1186/s12888-025-07368-0.
- Kirchner, Heribert, Heiko Ullrich, Peter Neu, Nik Hulsmans, Georg Juckel, und Patrick Brzoska. „The Significance of Nonurgent Psychiatric Emergencies in an ED: A Retrospective Study“. BMC Emergency Medicine 23, Nr. 1 (2023): 131. https://doi.org/10.1186/s12873-023-00900-z.
- Miller, Ivan W., Carlos A. Camargo Jr, Sarah A. Arias, u. a. „Suicide Prevention in an Emergency Department Population: The ED-SAFE Study“. JAMA Psychiatry 74, Nr. 6 (2017): 563–70. https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2017.0678.


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