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Leitlinie „Verletzungen der thorakolumbalen Wirbelsäule“ des DGOU (Update 2026)

veröffentlichende Fachgesellschaft: Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie e.V. (DGOU)
Klassifikation gemäß AWMF: S2k
Datum der Veröffentlichung: 23.02.2026
Ablaufdatum: 22.02.2031
Quelle/Quelllink: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/187-031

Grundsätzliches

  • stumpfe Gewalteinwirkung ist häufiger Ursache von Wirbelsäulenverletzungen
  • Differenzierung zwischen indirekter oder direkter Krafteinwirkung für die weiteren Maßnahmen
  • Kraft tritt häufig auf als übermäßige…
    • … axiale Kompression – sowie Flexion
    • … Überstreckung- (Hyperextension)
    • … Rotation
  • Sturzverletzungen dominieren vor Verkehrsunfällen und Sportverletzungen
  • hohe Prävalenz von Wirbelsäulenverletzungen bei polytraumatisierten Patient*innen
  • Lokalisation: Verletzungen können die gesamte thorakale und lumbale Wirbelsäule betreffen

typische Begleitverletzungen

  • Sternumfrakturen häufig mit BWS-Frakturen assoziiert
  • abdominelle Verletzungen (z.B. durch Beckengurt, können auf LWS-Fraktur hinweisen und selbst bei geringen Verletzungsschweren der Wirbelsäule auftreten)
  • Fußverletzungen, Calcaneusfrakturen nach Sprung/Absturz aus der Höhe sind häufig mit Frakturen des thorakolumbalen Übergangs kombiniert

präklinisches Management

  • Ziel: mögliche Verschlechterung des neurologischen Befundes vermeiden
  • Verweis auf S3 LL „Polytrauma“: „Bei bewusstlosen Patienten soll bis zum Beweis des Gegenteils von dem Vorliegen einer Wirbelsäulenverletzung ausgegangen werden.“

Analyse des Unfallhergangs

Ziel ist die Rekonstruktion des Unfallhergangs (z.B. welche Kräfte zum Zeitpunkt des Unfalls auf die Wirbelsäule eingewirkt habe)

  • Deformierung des Unfallfahrzeuges
  • Auslösen des Airbags
  • Sturzhöhe
  • Unfallgeschwindigkeit
  • Prellmarken/Gurtmarken
  • Verletzungen von mögl. Beifahrer*innen
  • Hinweise auf übermäßige Hyperextension/Flexion/Rotation oder Stauchung

Notfallmaßnahmen und Transport

  • bei hochenergetischen Unfällen Vorgehen gemäß DGU-S3-Leitlinie „Polytrauma“
  • PHTLS-Richtlinien konzentrieren sich auf präklinische Versorgung von Traumapatient*innen, mit besonderem Fokus auf sichere und schnelle Identifikation von lebensbedrohlichen Verletzungen sowie deren Stabilisierung während des Transports
  • bei Wirbelsäulenverletzungen besonderen Wert auf Immobilisierung legen
  • Immobilisation der Wirbelsäule
    • Immobilisation der Wirbelsäule erwägen, wenn ein hohes Risiko für Wirbelsäulenverletzungen besteht (Hochenergie-Trauma oder neurologische Symptome)
    • starre Immobilisation kann Atemwege gefährden oder zu Atemproblemen führen –> manuelle Inline-Stabilisierung des Kopfes, wenn Intubation erforderlich ist
    • unnötige Immobilisation vermeiden werden sollte, um mgl. Komplikationen zu vermeiden
  • frühzeitiger Transport in das nächstgelegene geeignete KH mit Möglichkeit zur Diagnostik und Behandlung von WS-Verletzungen (idealerweise Traumazentrum oder Wirbelsäulenzentrum)
  • Maßnahmen zur Stabilisierung
    • primäre Bestimmung und Dokumentation neurologischer Ausfälle vor Analgosedierung/Narkose
    • schonender Transport (auf längeren Strecken luftgebundenen Transport bevorzugen)
    • bei Bewusstlosigkeit
      • Rettung und Lagerung möglichst unter vorsichtigem axialem Langzug
      • Immobilisation der WS
      • flache achsengerechte Lagerung auf harter Unterlage
      • Transport mit Vakuummatratze oder spezieller Wirbelsäulenlagerungshilfe
      • Immobilisierung der gesamten Wirbelsäule
      • bei vorbestehender Verkrümmung oder Verknöcherung der Wirbelsäule, z.B. bei M. Bechterew, Lagerung in der vorbestehenden Stellung, ohne Repostion der unterstellten Fehlstellung
  • Wahl des Transportziel
    • Mehrfachverletzung –> regionales oder überregionales Traumazentrum (gemäß DGU-S3-LL „Polytrauma“)
    • Monoverletzung –> Traumazentrum
    • neurologische Ausfälle –> Traumazentrum mit spezieller Expertise für Wirbelsäulen-Verletzungen
    • CAVE: auch Patient*innen ohne neurologische Defizite können bei der primären Untersuchung während des Transports oder in der Primärklinik neurologische Defizite entwickeln –> Transport in eine Klinik, die über die notwendige Expertise verfügt, daher nachvollziehbar
  • genaue Dokumentation des klinischen Befundes, v.a. der neurologischen Ausfälle, bereits am Unfallort (Verletzungsschwere kann so, auch bei eingeschränkter Beurteilung in Folge einer Analgosedierung, besser eingeschätzt werden)
    • klinische Auffälligkeiten:
      • Schmerzen im Bereich der WS
      • veränderter Bewusstseinszustand
      • Hinweise auf Intoxikation
      • Frakturen und Verletzungen der Extremitäten
    • neurologisches Defizit (idealerweise mit ISNCSCI- Bogen):
      • Sensibilität (ink. Sacral sparing)
      • Motorik (ink. Sacral sparing)
      • Läsionshöhe
      • Seitendifferenz

Anamnese

  • Anamnese sollte schon zu Beginn der Notfallbehandlung den Unfallmechanismus möglichst genau erfassen

Analyse des Verletzungsmechanismus

  • genaue Beschreibung des Unfallhergangs durch Patient*innen und/oder Rettungskräfte
  • Beschreibung der Richtung und des Ausmaßes der einwirkenden Kräfte
  • Dokumentation von Rotations-, Flexions- oder Extensionsmomente sowie axialen oder translationaler Krafteinwirkung oder deren Kombinationen

gesetzliche Unfallversicherung

  • Unfallmeldung durch den Arbeitgeber*in bei allen Arbeitsunfällen, bei Unfällen auf dem Weg von und zur Arbeit, bei Unfällen in Zusammenhang mit Studium, Schule und Kindergarten sowie allen anderen gesetzlich versicherten Tätigkeiten (inkl. aller ihrer Folgen), wenn der Unfall eine Arbeitsunfähigkeit > 3 Kalendertage oder Tod zur Folge hat
  • Vorstellung bei einer/einem zum Durchgangsarztverfahren zugelassenen Ärzt*in für die Entscheidung über die Einleitung eines BG-lichen Heilverfahrens
  • weitere Behandlung muss zum frühestmöglichen Zeitpunkt in einer von der DGUV zugelassenen Einrichtung erfolgen

Vorerkrankungen & -verletzungen

  • vorangegangene Wirbelsäulenverletzungen
  • immunologische oder metabolische Erkrankungen mit resultierender Ankylose der Wirbelsäule
  • osteologische Erkrankungen (z.B. Osteoporose)
  • relevante neurologische Vorerkrankungen
  • Tumoranamnese
  • Infektionen
  • vorbestehende Deformitäten
  • degenerative Veränderungen
  • rheumatische Erkrankungen
  • Thrombosen, Embolien

wichtige Begleitumstände

  • Alkohol-, Nikotinabusus, Drogen
  • Allergien, speziell Medikamenten- und Metallallergien
  • Medikamenteneinnahme, besonders gerinnungshemmende Medikamente
  • Abklärung der funktionellen und sozialen Situation vor dem Unfall
  • bisherige Behandlung der Verletzung
  • bisherige Behandlung unfallunabhängiger Wirbelsäulenbeschwerden

Diagnostik

notwendige Untersuchungen

  • klinische Untersuchung
    • spontane lokale Schmerzen, Schwellung, Hämatom, Hautkontusionen, Abschürfungen, Achsenabweichung der Dornfortsätze, örtliche Gibbusbildungen
    • tastbare Lücken zwischen Dornfortsätzen
    • lokaler Druck-, Klopf- und/oder Stauchungsschmerz
    • Bewegungsschmerz, schmerzhaft eingeschränkte aktive und passive Beweglichkeit
    • auf typische Begleitverletzungen achten
    • Erfassung aller sensiblen und motorischen neurologischen Ausfallserscheinungen (inkl. möglicher sakraler Aussparung)
    • Blasen- und Mastdarmfunktion (Harnverhalt?)
    • Bewusstseinsstörung
  • Labor
    • mind. Blutbild, Gerinnung, Elektrolyte unter Berücksichtigung von Alter, Begleiterkrankungen und Verletzungen
    • Kreuzblut für Blutgruppe und Blutkonserven in Abhängigkeit von der Verletzungsschwere und den Begleitverletzungen
  • Bildgebung
    • mind. konventionelle Röntgendiagnostik in 2 Ebenen (CAVE: mutmaßlich verletzte Region im Zentralstrahl abgebildet)
    • CT oder MRT bei Frakturnachweis oder Frakturverdacht im konventionellen Röntgen (CAVE: bei Beschwerden an mehreren Lokalisationen der Wirbelsäule großzügig daran denken, die gesamte Wirbelsäule miteinzuschließen)
    • Nativröntgen im Stehen nach Mobilisation, wenn Erstdiagnostik im Liegen erfolgte und stabile Frakturverhältnisse vorliegen
    • großzügige Indikationsstellung zur CT-Diagnostik bei bewusstlosen bzw. Patient*innen mit eingeschränktem Bewusstsein und polytraumatisierten Patient*innen sowie nach Unfällen mit hoher Energieeinwirkung
    • ggf. zusätzliches MRT zur weiteren Diagnostik bei frischer traumatischer Verletzung
    • MRT-Diagnostik bei neurologischen Symptomen, v.a wenn akute Querschnittsymptomatik vorliegt, die durch CT nicht ausreichend sicher erklärbar ist
  • weitere Untersuchungen
    • hochgradig instabile Fraktur –> primäre Röntgendiagnostik im Liegen auf Vakuummatratze, hartem Stretcher oder spezieller Lagerungshilfe
    • sagittale Imbalance und bei ausreichend stabilen Frakturen –> WirbelsäulenGanzaufnahme im Stehen
    • Frakturnachweis oder Frakturverdacht im konventionellen Röntgen –> CT zur sicheren Beurteilung der Frakturmorphologie und Abschätzung der Instabilität der Verletzung sowie Ausschluss oder Nachweis einer möglichen Einengung des Spinalkanales
    • frische traumatische Verletzung –> zusätzlich MRT zur weiteren Diagnostik
      • V.a. Verletzung der ligamentären hinteren Säule –> Darstellung des Spinalkanals und Beurteilung eines potenziellen Bandscheibenschadens
      • neurologische Zeichen einer Verletzung von Rückenmark- oder Cauda equina –> präoperatives MRT, unter Einhaltung der operativen Versorgung innerhalb von 24 h nach Trauma

fakultative Diagnostik

  • Myelografie
  • Dual-Sorce CT
  • Myelo-CT
  • Funktions-CT
  • Funktions-MRT
  • Angiografie
  • Angio-CT
  • Hypomochlionaufnahmen
  • Funktionsaufnahmen

Differentialdiagnosen

  • Folgezustände vorausgegangener Verletzungen
  • vorbestehende Myelopathie
  • vorbestehende neurologische Erkrankungen insbesondere des Rückenmarks und der peripheren Nerven
  • degenerative Veränderungen an Knochen, Gelenken und Bandscheiben
  • entzündliche Prozesse (Spondylodiszitis, Spondylitis)
  • pathologische Fraktur
  • rheumatoide Arthritis
  • angeborene Fehlbildungen
  • Spinalis Anterior Syndrom
  • Spinale Ischämie bei Aortendissektion

klinische Erstversorgung

klinisches Management

  • klinische Management in der Erstversorgung gemäß ATLS-Richtlinie und S3-LL „Polytrauma/Schwerverletztenbehandlung“
    • systematisches und Prioritäten-geleitetes Vorgehen bei der Behandlung von polytraumatisierten Patient*innen mit ABCDE-Struktur als Grundlage
  • keine medikamentöse Behandlung mit Methylprednisolon im Akutstadium der traumatischen Querschnittlähmung

allgemeine Massnahmen

  • Schmerztherapie analog des Stufenschemas der WHO, sodass Schmerzniveau erreicht wird, dass unterhalb von NRS von 5 liegt
  • Prophylaxe von tiefen Venenthrombosen (DVT) und Lungenembolien (VTE) gemäß der S3-LL zur VTE-Prophylaxe

spezielle Massnahmen

  • geschlossene Reposition nicht über präoperatives Repositionsmanöver, aber im Rahmen einer Operation über die Ligamentotaxis anstreben
  • Wahl des OP-Zeitpunkt basierend auf Schweregrad der Verletzung, der Lokalisation der Fraktur und dem Vorhandensein schwerer Begleitverletzungen
    • dringliche Stabilisierung und Dekompression innerhalb von 8 – 24 h mit Nachweis einer höheren Wahrscheinlichkeit einer zumindest partiellen neurologischen Erholung ist bei Patienten mit fortschreitenden neurologischen Defiziten notwendig
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