Die medizinische Versorgung von Patientengruppen mit einer Vorgeschichte hinsichtlich psychischer Traumata, v.a. nach physischem oder sexualisiertem Missbrauch, stellt eine der komplexesten Herausforderungen der klinischen Praxis dar. Die körperliche Untersuchung wird jedoch oft als rein technischer Vorgang missverstanden, dabei birgt sie – bedingt durch die notwendige Verletzung von Distanzzonen und die damit einhergehenden Machtasymmetrien – ein signifikantes Risiko für eine Re-traumatisierung.
Trauma‑informierte körperliche Untersuchung bedeutet, Patient*innen mit Missbrauchs‑ oder Gewalterfahrungen so zu untersuchen, dass Sicherheit, Kontrolle und Würde jederzeit gewahrt bleiben. Der Kern: medizinische Qualität ohne Re‑Traumatisierung.
Ein nicht geringer Anteil an Patient*innen (ca. 2/3 aller Patient*innen in einigen Untersuchungen) habe eine Trauma‑Vorgeschichte, häufig durch Missbrauch oder Gewalt. Medizinische Untersuchungen können diese Erfahrungen reaktivieren, v.a. dort, wo Machtausgleich, Nähe und körperliche Berührung eine Rolle spielen. Eine trauma‑informierte Haltung reduziert Trigger, stärkt Vertrauen und verbessert die Behandlungsqualität.
Prävalenz von Traumata und die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels
Ein Trauma resultiert aus einem Ereignis oder einer Serie von Umständen, die ein Individuum als physisch oder emotional schädlich oder lebensbedrohlich erfährt und die dauerhafte negative Auswirkungen auf die psychische, physische, soziale oder spirituelle Gesundheit haben. Etwa 70 % der Weltbevölkerung erleben im Laufe ihres Lebens mindestens ein traumatisches Ereignis, wobei diese Rate in Risikoberufsgruppen auf bis zu 84 % ansteigen kann. In medizinischen Einrichtungen sind Schätzungen zufolge bis zu 90 % der Patient*innen, die wegen psychischer Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder Substanzmissbrauch behandelt werden, signifikanten traumatischen Erfahrungen ausgesetzt gewesen.
Im klinischen Setting wird dieses Wissen z.B. durch die sog. „4 R’s“ der Substance Abuse and Mental Health Services Administration (SAMHSA) operationalisiert:
- Realisierung (Realize) der weitreichenden Auswirkungen von Traumata
- Anerkennung (Recognize) der Anzeichen bei Patient*innen
- Reaktion (Respond) durch Integration dieses Wissens in alle Abläufe
- aktiver Widerstand (Resist) gegen erneute Traumatisierung
Was macht eine körperliche Untersuchung retraumatisierend?
Viele Betroffene berichten, dass das medizinische Setting Erinnerungen an frühere Übergriffe aktivieren kann, und dies vor allem in den folgenden Momenten/Situationen:
- unerwartete Berührungen
- Untersuchung intimer Körperregionen
- Ablegen von Kleidung (Verletzung der Privatsphäre, Scham)
- Gefühl des ausgeliefert sein oder nicht gehört fühlen (Lagerung in Rückenlage)
- verstärktes Machtgefälle (z. B. durch autoritäre Kommunikation)
- Nutzung spezieller Instrumente wie Spekula oder Katheter (invasives Eindringen)
Konzept der universellen Vorsorge (Universal Precautions)
Ähnlich wie in Zeiten wie der Corona-Pandemie, während der davon ausgegangen sind, dass jede*r Patient*in potenziell infektiös sein könnte, sieht der traumainformierte Ansatz vor, alle Patient*innen so zu behandeln, als hätten sie ein Trauma erlebt. Dieser präventive Ansatz ist notwendig, da Traumata oft nicht sichtbar sind und Patient*innen ihre Geschichte aus Scham, Angst vor Stigmatisierung oder aufgrund von Dissoziation nicht immer offenlegen können.
| Prinzip der traumainformierten Versorgung | Definition im klinischen Kontext | praktische Anwendung |
| Sicherheit | Gewährleistung von physischer und emotionaler Sicherheit | angenehme Raumtemperatur, Sichtbarkeit der Ausgänge, klare Ankündigung von Berührungen |
| Vertrauenswürdigkeit | Transparenz in Abläufen und Entscheidungen | ausführliche Aufklärung über den Sinn jedes Untersuchungsschrittes |
| Peer-Unterstützung | Einbeziehung von Personen mit ähnlichen Erfahrungen | Vermittlung an Selbsthilfegruppen oder Einbeziehung von Genesungsbegleiter*innen |
| Kollaboration | Minimierung von Machtunterschieden | Einbeziehung der Patient*innen in die Entscheidung über die Positionierung während der Untersuchung |
| Empowerment | Stärkung der Autonomie und Wahlfreiheit | aktives Angebot von Stopp-Signalen und Mitbestimmung beim Tempo der Untersuchung |
| kulturelle Sensibilität | Berücksichtigung historischer und geschlechtsspezifischer Kontexte | Sensibilität ggü. religiösen Bekleidungsvorschriften oder geschlechtsspezifischen Präferenzen beim Personal |
konkrete Handlungsempfehlungen für die Trauma‑informierte körperliche Untersuchung
Vorbereitung & Setting
- ruhige Umgebung schaffen, Türen schließen, Störungen vermeiden
- vorab erklären, was passieren wird, warum es notwendig ist und wie lange es dauert
- Erlaubnis einholen („Ist es für Sie in Ordnung, wenn ich jetzt…?“)
- Wahlmöglichkeiten anbieten (Begleitperson, Sitz‑ oder Liegeposition, Reihenfolge der Untersuchung)
Kommunikation
- langsame, klare, wertschätzende Sprache (Vermeidung von Imperativen –> Befehle ersetzen durch Angebote oder informative Beschreibungen, was als Nächstes geschieht)
- keine „Überraschungen“ –> jede Handlung ankündigen
- Normalisierung („Viele Menschen fühlen sich bei Untersuchungen unwohl…“)
- Validierung („Sie dürfen jederzeit stoppen.“)
- nicht nach Trauma‑Details fragen, wenn sie nicht für die Akutsituation relevant sind
- Nutzung einer traumainformierten Wortwahl
| traditionelle Begriffe | traumainformierte Alternative | Erläuterung |
| „Ihr/Ihre…“ (z.B. Brust) | „Der Thorax / die Brust.“ | Verwendung des Artikels „der/die/das“ statt „Ihr“ schafft gesunde Distanz |
| „Untersuchungsbett.“ | „Untersuchungstisch.“ | Vermeidung der intimen Konnotation des Wortes „Bett“ |
| „Steigbügel.“ | „Fußstützen.“ | Reduktion von Assoziationen mit Fesselung oder Kontrolle |
| „Beine öffnen.“ | „Die Knie zur Seite sinken lassen.“ | aktive Bewegung statt passive Öffnung |
| „ganz normal.“ | „gesund/unauffällig.“ | „Normal“ kann als wertend empfunden werden |
| „Tun Sie das für mich.“ | „Könnten Sie bitte…“ | Untersuchung ist kein Gefallen für das medizinische Personal |
| „Entspannen Sie sich.“ | „Vielleicht hilft ein Atemzug.“ | Entspannung lässt sich nicht befehlen |
körperliche Untersuchung
- strikte Wahrung der Intimsphäre während der eigentlichen Untersuchung
- Vorhersehbarkeit als oberstes Gebot achten
- Patient*innen weiterhin die Kontrolle geben (Pausen jederzeit möglich)
- Berührungen ankündigen (z.B. „Ich berühre jetzt Ihre Schulter.“)
- Druckqualität: fester, stabiler Druck wird oft als sicherer empfunden als leichte, streichelnde Berührungen, die als unsicher oder grenzüberschreitend wahrgenommen werden könnten
- Kontakt halten (wenn man sich am Körper der Patient*innen bewegt, ist es oft hilfreich, den physischen Kontakt aufrechtzuerhalten, damit die Patient*innen wissen, wo sich die Hand befindet, anstatt ihn durch plötzliches Neu-Aufsetzen zu überraschen)
- Vermeidung von „Überraschungen“ (Kälte eines Stethoskops o.Ä. sollte vorher demonstriert oder angekündigt werden)
- Verwendung von Stoff zum Abdecken von Körperregionen (Patient*innen ermöglichen, Tücher selbst zu positionieren)
- kein Nähern von hinten, wenn dies nicht vermeidbar ist
- intime Untersuchungen besonders sensibel gestalten (Schritt‑für‑Schritt‑Erklärung, Sichtschutz, nur notwendige Entkleidung etc.)
- Positionierung/Lagerung (z.B. Patient*innen nicht unnötig flach hinlegen, um Blickkontakt ermöglichen)
- Beobachtung von Distress-Signalen (beim Auftreten von Anzeichen Untersuchung sofort unterbrechen)
| physische Anzeichen | verhaltensbedingte Anzeichen |
| schnelle Atmung/Hyperventilation | Vermeidung von Blickkontakt |
| Muskelanspannung, Ballen der Fäuste | plötzliches Verstummen oder Redeschwall |
| Schwitzen, Erröten oder Blässe | Zittrigkeit, Nesteln an der Kleidung |
| weit aufgerissene oder starre Augen | dissoziative Zustände (Spacing out) |
| Zittern, Kälteschauer | aggressives oder defensives Verhalten |
Techniken zur Rückgewinnung von Autonomie
In hochsensiblen Situationen können folgende Maßnahmen die Belastung senken:
- Selbst-Insertion: Patient*inin führt Spekulum oder Abstrichtupfer selbst ein (Studien zeigen, dass dies Schmerz und Angst signifikant reduziert)
- Mit-Führung: Patient*in legt Hand über die Hand der/des Untersucher*in, um Richtung und Tempo der Untersuchung mitzubestimmen
- Spiegel-Einsatz: Handspiegel ermöglicht es Patient*innen, die Untersuchungsschritte visuell zu verfolgen, was das Gefühl der Kontrolle erhöht
Nachbesprechung & Nachsorge
Nach der Untersuchung den Patient*innen erst ermöglichen, sich vollständig anzuziehen, bevor die Befunde besprochen werden. Das Gespräch über die Ergebnisse sollte hierbei in einem ruhigen Bereich, idealerweise im Sitzen, stattfinden. Die Elemente der Nachbereitung sind dabei die folgenden:
- Validierung (bei Patient*innen für Kooperation bedanken und die Schwierigkeit der Situation anerkennen)
- Aufklärung (Befunde in einfacher, nicht-technischer Sprache erklären)
- Unklares klären (Raum für Fragen geben)
- Ressourcen (Aushändigen von schriftlichen Informationen über Traumafolgestörungen und Hilfsangebote)
- Follow-Up (Möglichkeit eines zeitnahen Nachgesprächs anbieten, falls im Nachhinein Fragen oder Belastungssymptome auftreten)
Dokumentation traumainformierter Aspekte
In der Patientenakte sollte nicht nur der medizinische Befund, sondern auch die Traumainformiertheit der Untersuchung dokumentiert werden. Dies umfasst:
- besondere Wünsche der Patient*innen (z.B. „bevorzugt weibliche Behandlerinnen“)
- etablierte Stopp-Signale
- Reaktionen während der Untersuchung (z.B. „dissoziative Tendenzen bei Palpation des Abdomens“), um sicherzustellen, dass nachfolgende Behandler*innen informiert sind und Re-traumatisierungen vermieden werden können
spezifische Aspekte für die Akut- & Notfallmedizin
- Zeitdruck darf nicht zu invasivem, kommentarlos durchgeführtem Vorgehen führen
- Sicherheitsgefühl ist im Rettungsdienst besonders fragil (enge Räume, viele Personen, Lärm)
- minimal‑invasives Vorgehen –> nur absolut Notwendiges untersuchen
- Teamkommunikation: lautes, unvorhersehbares Sprechen vermeiden –> kurze, klare Absprachen
- Deeskalation: Trauma‑informierte Haltung reduziert Eskalationen bei Patient*innen mit Flashbacks oder Dissoziationen
Fazit
Trauma‑informierte körperliche Untersuchung ist kein nettes „Add‑on“, sondern essentieller Teil für die Sicherstellung der Patient*innensicherheit. Sie schützt vor Re‑Traumatisierung, stärkt Vertrauen und verbessert die diagnostische Qualität. Besonders in der Notfallpsychiatrie und Notfallmedizin ist sie essenziell, um vulnerable Patient*innen sicher und würdevoll zu versorgen.
Quellen
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